Gut gekaut ist halb verdaut

Einen wesentlichen Einfluss auf den Verdauungsvorgang und damit die Gesundheit des Pferdes hat bereits die erste Station, das Maul. Sobald das Pferd die Nahrung hinter die Schneidezähne gebracht hat, beginnt reflektorisch der Kauvorgang. Die Backenzähne zermahlen das Futter, wobei die Seite, auf der gekaut wird, im Minutentakt gewechselt wird. Der Speichel wird dabei ausschließlich mechanisch freigesetzt (anders als beim Menschen oder beim Hund, bei denen bereits der Anblick von Nahrung die Speichelproduktion anregt). Und das in nicht unerheblicher Menge: 50 bis 90 Milliliter pro Minute Kauzeit. So kommt es bereits an dieser Stelle zu ganz wesentlichen Unterschieden beim Verabreichen von Heu und Kraftfutter  .Ein Kilogramm Kraftfutter kaut das Pferd in rund zehn Minuten, ein Kilo Heu dagegen in etwa 40 Minuten. Eine Tatsache, die im weiteren Verlauf von großer Bedeutung sein wird – wie auch die Fähigkeit des Pferdes, das Futter ausreichend zu zerkleinern. „Gut gekaut ist halb verdaut“. Mit anderen Worten: Ein intaktes Gebiss ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gut funktionierende Verdauung.

 

Über die Speiseröhre (Schlund) wird die Nahrung zum Magen transportiert. Das Abschlucken erfolgt im 30-Sekunden-Takt. Im Normalfall wird nur das abgeschluckt, was nicht länger als 16 Millimeter und im Durchmesser nicht größer als ein bis zwei Millimeter ist. Bei großem Hunger und hastigem Fressen kann es aber passieren, dass größere Stücke in die Speiseröhre gelangen. Das kann zu einer lebensbedrohlichen Schlundverstopfung führen. Dies gilt auch für rasch quellfähige Futtermittel: Unmittelbar vor dem Mageneingang befindet sich eine Erweiterung der Speiseröhre, in der der Futterbissen etwa eine halbe Minute verbleibt. Quellen Futtermittel wie zum Beispiel unaufgeweichte Cobs durch den Speichel auf, können sie ebenfalls eine Schlundverstopfung verursachen.
Von der magenähnlichen Erweiterung aus wird das Futter in den Magen weitergegeben. Im vorderen, drüsenlosen Teil des Magens (kuppelförmiger Blindsack) findet zunächst eine bakterielle Vorverdauung statt. „Gelangt hygienisch nicht einwandfreies, verkeimtes, gärendes Futter in diesen Bereich, kann es dort zu Gasbildung bis hin zu Magenzerreißungen kommen.
Der Magen ist auf kontinuierliche Futteraufnahme ausgelegt. Fresspausen, die länger als drei bis vier Stunden dauern, sind beim Pferd nicht vorgesehen. Der Magen produziert daher kontinuierlich Magensäfte – und das in großer Menge: Fünf bis zehn Liter pro 100 Kilogramm Körpergewicht werden innerhalb von 24 Stunden nonstop abgegeben. Der Umfang der Magensaftsekretion hängt von der Art des Futters ab und wird auch vom vegetativen Nervensystem beeinflusst: Stress erhöht die Magensaftproduktion. Eine wichtige Rolle spielt an dieser Stelle der Speichel: Er enthält, anders als beim Menschen, keine Verdauungsenzyme, dafür aber Bicarbonat. Dieses puffert die im Magensaft enthaltene Salzsäure ab. Dadurch wird eine Übersäuerung des Magens verhindert. Der Speichel lockert zudem den Nahrungsbrei auf – je mehr Speichel, umso lockerer und umso besser vorbereitet ist der Mageninhalt für die anschließende Verdauung.

 

Nachdem im Magen ein Teilaufschluss erfolgt ist und die zerkleinerte Nahrung am Magenausgang durchmischt wurde, gelangt sie nach etwa ein bis fünf Stunden in den Dünndarm. Hier geht es flott voran: Der Dünndarm ist mit rund 20 bis 30 Metern sehr lang; die Zeit, in der die Nahrung ihn passiert, beträgt dennoch lediglich eineinhalb Stunden, wobei sie durch Peristaltik (wellenförmiges Zusammenziehen) des Darms mit 35 Zentimetern pro Minute vorangeschoben wird. Dies erfolgt unabhängig von der Art des Futters.
Im Dünndarm findet ausschließlich enzymatische Verdauung statt: Durch in der Bauchspeicheldrüse produzierte Verdauungsenzyme werden Eiweiße und Kohlenhydrate (in Form von Stärke und Zucker) zu Aminosäuren und Glucose umgewandelt, die in den Blutstrom aufgenommen werden. Ein Teil der Glucose steht nun als Energiequelle zur Verfügung, indem sie in Form von Glycogen in die Muskulatur und die Leber eingelagert wird. Der andere Teil der Glucose-Fette wird durch in der Leber produzierte Galle in freie Fettsäuren aufgespalten und so für die Verdauungsenzyme angreifbar.
Im Dünndarm wird nur enzymatisch verdaut. Rohfaser wie die Zellulose kann hier nicht abgebaut werden. Sie wandert, ebenso wie nicht ausreichend im Dünndarm abgebaute Nahrungsbestandteile, weiter in den Dickdarm.

 

Im Dickdarm findet ausschließlich mikrobielle, also durch Mikroorganismen verursachte Verdauung statt. Die Verdauung wird im Dickdarm sehr langsam. Die Nahrung verbleibt hier etwa 35 bis 44 Stunden. Ein Pferd kann deshalb auch im Fall einer Kolik, die im Dünndarmbereich ihre Ursache hat, noch einige Zeit Kot absetzen. Die Futterexpertin beschreibt den Dickdarm als eine Art Biogasanlage. In seiner ersten Station, dem Blinddarm, herrscht eine extrem hohe Bakteriendichte. Diese Bakterien haben die Aufgabe, die bisher unverdaute Nahrung, insbesondere die Rohfasern, durch Zersetzung abzubauen. Bei der Fermentation im Dickdarm werden flüchtige Fettsäuren wie zum Beispiel Essigsäure gebildet, die zur kontinuierlichen Energiegewinnung zur Verfügung stehen. Dies ist für das Pferd besonders wichtig, da seine Glycogenreserven im Muskel begrenzt sind und die kurzkettigen Fettsäuren einen wesentlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten.
Ein Nahrungsbestandteil kann auch im Dickdarm nicht abgebaut werden und wird daher unverdaut ausgeschieden: das Lignin. Dabei handelt es sich um eine Gerüstsubstanz in den Pflanzenzellen, die für das Standvermögen der wachsenden Pflanze zuständig ist. Während es in jungem, weichem Gras kaum vorhanden ist, findet es sich verstärkt in Stroh, holzigem Heu und überständigem Gras. Je kleiner diese Futtermittel zerkaut werden, umso besser wird das Lignin aufgebrochen und der Komplex zerstört. Durch die Fütterung vieler ligninreicher Futtermittel – zum Beispiel übermäßig viel Stroh – kann es zu Anschoppungskoliken kommen. Von der Art und Menge der Rohfaser hängt auch ab, wie gut das Pferd Wasser und Elektrolyte speichern kann. Sie werden im Dickdarm von der Zellulose und Hemizellulosen (Vielfachzucker) aufgesaugt wie von einem Schwamm und stehen dann bei Bedarf ausreichend zur Verfügung. Ist das körpereigene Wasser- und Elektrolytreservoir zu gering, drohen bei hohem Schweißverlust lebensbedrohliche Störungen.